Accessibility-Overlays: Warum accessiBe, UserWay & Co. keine echte Barrierefreiheit bieten
Das Versprechen klingt verlockend: eine Zeile Code einbinden, und die Website ist automatisch barrierefrei und WCAG-konform. Genau das verkaufen Anbieter wie accessiBe und UserWay mit ihren Overlay-Tools.
Die Realität ist eine andere – und das ist nicht bloß die Meinung von Kritikern. Es ist die dokumentierte Einschätzung von Regulierungsbehörden, von über 900 Fachleuten für Barrierefreiheit und von Verbänden behinderter Menschen. Dieser Artikel erklärt, was ein Overlay technisch ist, warum es nicht halten kann, was es verspricht, was Fachwelt und Behörden dazu sagen – und welches rechtliche Risiko unter dem BFSG entsteht.
Was ein Accessibility-Overlay ist und wie es funktioniert
Ein Accessibility-Overlay – auch Widget oder Plug-in genannt – ist ein JavaScript-Schnipsel, den du in deine Website einbindest. Beim Aufruf der Seite legt es im Browser eine Schicht über deine Inhalte, die Barrieren automatisch erkennen und „beheben” soll, und blendet oft zusätzlich ein Bedienmenü für Besucher ein.
Der entscheidende technische Punkt steckt im Wort „Schicht”: Ein Overlay verändert die Darstellung zur Laufzeit im Browser – es ändert deinen Quellcode nicht. Auch die US-Handelsbehörde FTC stellt klar, dass Overlays nicht dazu gedacht sind, den Code dauerhaft zu ändern, sondern nur vorübergehende Anpassungen der Benutzeroberfläche vornehmen. Aus dieser einen Tatsache folgt alles Weitere.
Das Versprechen gegen die Realität
Wie weit das Marketing geht, zeigt der Fall accessiBe. Das Unternehmen warb damit, eine Zeile Code mache eine Website sofort zu 30 % WCAG-konform, ein KI-Prozess erledige die restlichen 70 % binnen 48 Stunden, und ein täglicher Re-Scan halte die Konformität aufrecht.
Die FTC kam in ihrer Beschwerde zu einem anderen Bild: In zahlreichen Fällen habe das Widget grundlegende Bestandteile wie Menüs, Überschriften, Tabellen, Bilder und Aufzeichnungen gerade nicht barrierefrei gemacht. Seiten mit dem Overlay enthielten weiterhin Barrieren – fehlende oder falsche Alternativtexte, fehlende Fokusanzeige, Tastaturfallen, falsche Überschriftenebenen. Ein anschauliches Beispiel aus dem Verfahren: Ein Foto eines Filet Mignon erhielt vom Overlay den Alternativtext „braunes Brot auf weißem Keramikteller”. Genau solche „Korrekturen” produziert maschinelles Raten.
Schlimmer noch: Ein Overlay kann die Lage verschlechtern. Wenn es ARIA-Rollen, Fokusreihenfolge oder die Seitenstruktur umschreibt, kann es mit Screenreadern wie NVDA, JAWS oder VoiceOver kollidieren. Befragungen zufolge bewerten rund 72 % der Nutzer mit Behinderungen Overlays als kaum oder gar nicht hilfreich. Und scheitert das Skript am Laden – durch einen Ad-Blocker, einen Netzwerkfehler, ein JavaScript-Problem –, sind sämtliche Barrieren sofort wieder da.
Warum Overlays die WCAG nicht erfüllen
Der Grund ist im Kern simpel: Der Quellcode bleibt kaputt. Die WCAG-Kriterien werden im Code erfüllt, nicht in einer Schicht darüber. Ein Overlay kann strukturelle HTML-Probleme, PDFs oder Videos nicht reparieren, und es kann die Urteilsentscheidungen nicht treffen, die Barrierefreiheit verlangt – ob ein Alternativtext inhaltlich sinnvoll ist, ob die Fokusreihenfolge logisch ist, ob ein Text verständlich formuliert wurde.
Das ist dieselbe prinzipielle Grenze, an der jede reine Automatik scheitert: Maschinell lässt sich nur ein Teil der WCAG-Kriterien überhaupt beurteilen, der Rest braucht menschliche Prüfung – mehr dazu in Automatisierte WCAG-Tests und Barrierefreiheit testen. Und selbst vollständige WCAG-Erfüllung würde nicht genügen, weil die maßgebliche Norm EN 301 549 über die WCAG hinausgeht.
Was Fachwelt, Verbände und Regulierer sagen
Dass Overlays nicht funktionieren, ist kein Einzelurteil, sondern ein breiter Konsens derjenigen, die Barrierefreiheit am besten kennen:
- Der Overlay Fact Sheet (overlayfactsheet.com), 2021 vom Fachmann Karl Groves und der Community gestartet, wurde von über 900 Fachleuten unterzeichnet – darunter Mitwirkende an den WCAG-, ARIA- und HTML-Spezifikationen, Barrierefreiheits-Experten bei Google, Microsoft, Apple und der BBC sowie betroffene Nutzer selbst. Die Kernaussage: Overlays seien kein wirksames Mittel, um Barrierefreiheit sicherzustellen.
- Die National Federation of the Blind verabschiedete eine Resolution, die die Aussagen der Overlay-Anbieter als irreführend, unbelegt und unethisch bezeichnet, und gab eine Sponsoring-Zahlung von accessiBe zurück.
- Die International Association of Accessibility Professionals und das Europäische Behindertenforum sprechen sich gemeinsam gegen den Einsatz von Overlays zur Compliance aus, und auch die Europäische Kommission hat Overlays als schlechte Lösung eingeordnet.
Overlay-Anbieter stellen diese Kritik gern als Attacke von Wettbewerbern dar. Das geht am Punkt vorbei: Die Unterzeichner sind die Menschen, die die Barrierefreiheits-Standards mitschreiben, und die behinderten Nutzer, die auf sie angewiesen sind – keine Konkurrenten. In Deutschland läuft dieselbe Debatte unter Schlagzeilen wie „Barrierefreiheit per Knopfdruck oder gefährliche Mogelpackung?”.
Das Versprechen ist auch ein Rechtsrisiko
Die bislang prominenteste behördliche Reaktion kam von der US-Handelsbehörde FTC. Sie warf accessiBe im Januar 2025 vor, mit der Aussage geworben zu haben, das Widget könne jede Website WCAG-konform machen. Im April 2025 wurde ein abschließender Beschluss wirksam: eine Zahlung von einer Million US-Dollar, und das Verbot, weiterhin zu behaupten, die automatisierten Produkte machten eine Website WCAG-konform oder hielten sie konform – es sei denn, es gibt belastbare Belege dafür. Der Vergleich erfolgte ohne Schuldanerkenntnis. Die FTC beanstandete zudem, dass bezahlte Beiträge als unabhängige Bewertungen ausgegeben wurden. (Auch UserWay sah sich anderswo mit einer Sammelklage konfrontiert.)
Für Deutschland gilt: Ein Overlay macht dich nicht BFSG-konform. Das BFSG verlangt echte Konformität nach EN 301 549 und WCAG – die ein Overlay nicht liefert, weil der Quellcode unverändert bleibt. Wer sich darauf verlässt, wiegt sich in falscher Sicherheit, während das Bußgeldrisiko (für Websites bis zu 100.000 Euro) bestehen bleibt; den rechtlichen Rahmen behandelt der BFSG-Leitfaden. Und ein Overlay ist kein Schutzschild: Seiten, die eines einsetzten, wurden andernorts trotzdem verklagt.
Die ehrliche Alternative
Eine Abkürzung gibt es nicht, aber einen klaren Weg: die echten Probleme finden, sie im Quellcode beheben, erneut prüfen. Wie das abläuft, beschreiben Barrierefreiheit testen und Website barrierefrei machen
Genau dafür ist Welcoma gebaut: Der kommende WCAG-Scanner deckt die echten Probleme im Quellcode auf, damit du sie beheben kannst, und macht den Fortschritt über erneute Scans messbar – statt Barrieren hinter einer Schicht zu verstecken.
Ein wichtiger Unterschied zum Schluss, weil Welcoma selbst ein Bedienmenü anbietet: Ein Bedienmenü, das Besuchern Werkzeuge wie Textgröße, Kontrast oder Vorlesen gibt, ist ein echter Mehrwert – aber nur als Ergänzung auf einer Seite, deren Barrieren im Code behoben sind, nicht als Ersatz dafür. Das ist der ganze Unterschied zwischen ehrlicher Hilfe und Schein-Compliance: Ein Bedienmenü als Sahnehäubchen ist sinnvoll; ein Widget, das als Compliance-Lösung verkauft wird, ist genau die Mogelpackung, um die es in diesem Artikel geht.
Häufige Fragen
Macht ein Overlay meine Website BFSG-konform?
Nein. Der Quellcode bleibt unverändert, die Barrieren bleiben bestehen. Das BFSG verlangt echte Konformität nach EN 301 549 und WCAG, die ein Overlay nicht herstellt.
Sind damit alle Widgets schlecht?
Es kommt darauf an, wie sie verkauft werden. Ein Widget, das als Compliance-Lösung angepriesen wird, ist das Problem. Ein Bedienmenü als ehrliche Komfort-Ergänzung auf einer im Code behobenen Seite ist es nicht.
Schützt mich ein Overlay vor Abmahnungen oder Klagen?
Nein. Ein Overlay ist kein rechtlicher Schutz – Seiten, die eines einsetzten, wurden trotzdem verklagt, und Behörden erkennen es nicht als Konformitätsnachweis an.
Warum kann ein Tool das nicht einfach automatisch lösen?
Weil ein großer Teil der Anforderungen menschliches Urteil verlangt. Nur etwa ein Drittel der WCAG-Kriterien lässt sich überhaupt automatisiert prüfen; den Rest muss ein Mensch beurteilen.
Echte Probleme aufdecken statt verstecken.
Trag dich für den ehrlichen WCAG-Scan ein. Sobald der Scanner live ist, deckt er die echten Quellcode-Probleme auf und macht den Fortschritt messbar – kein Häkchen hinter einer Schicht.